Was ist eine Gastfamilie?

Jedes Jahr flüchten viele Kinder aus ihren Heimatländern und suchen in Europa und so auch bei uns in Österreich nach Schutz und Hilfe. Im Jahr 2015 haben 9.331 unbegleitete Minderjährige in Österreich um Asyl angesucht, der Großteil ist über 14 Jahre alt. Nach der Ankunft kommen sie in eine Unterbringung des Innenministeriums, in der sie auf eine Übernahme in ein Quartier der Bundesländer warten.

Im Sommer 2015 waren die Unterbringungszustände in der Betreuungsstelle Traiskirchen dermaßen prekär, dass viele Menschen bereit waren, eine/n Jugendliche/n bei sich zuhause aufzunehmen. Bis dahin gab es lediglich Einzelfälle von asylwerbenden Kindern und Jugendlichen, die in österreichischen Familien wohnen durften. Der Weg war steinig, und erst nach und nach war es möglich einzelnen Kindern auf diesem Weg ein neues Zuhause zu geben. Mittlerweile werden in den meisten Bundesländern Systeme aufgebaut, um die somit entstehenden Gastfamilien zu betreuen und zu begleiten.

Warum der Begriff Gastfamilien? Ein Gast ist jemand der nur vorübergehend bleibt und eigentlich möchte man das Kind voll in die Familie integrieren. – Lassen Sie sich durch den Begriff nicht verunsichern. Selbstverständlich soll das aufgenommene Kind ein vollwertiges Familienmitglied werden und so lange es Ihnen und dem Kind gut geht, wird es auch dauerhaft bei Ihnen leben können. Der Begriff wird lediglich in einigen Bundesländern verwendet, um eine Abgrenzung zur Unterbringung (von meist Kleinkindern und Babys) bei Pflegeeltern zu schaffen.

Eine Gastfamilie ist somit ein/e unbegleitete/r minderjährige/r Fremde/r bzw. AsylwerberIn der/die bei österreichischen Eltern (oder in Österreich wohnhaften nicht leiblichen Eltern) lebt. Dies kann ein Paar sein, eine alleinstehende Person oder ein Paar mit Kindern. Wichtig ist, dass das Kind Liebe und Geborgenheit erhält.


Wenn Sie sich für eine Gastelternschaft interessieren, laden wir Sie herzlich zu unserem nächsten Informationsabend ein.

Was sind die Vorteile?

Eines liegt ganz klar auf der Hand – Kinder gehören in Familien! Immerhin ist das der natürlichste Platz des Aufwachsens. Sehr viele Jugendliche äußern den Wusch, dass sie gerne in einer österreichischen Familie leben möchten. Viele sagen das schon kurz nach dem Ankommen, manche auch erst später, wenn sie die Nähe und Geborgenheit vermissen, die sie in einer Wohngemeinschaft nicht in der Form spüren, wie dies in einer Familie möglich ist.

Neben dem persönlichen und emotionalen Wohlergehen der Jugendlichen funktioniert der Spracherwerb in einer Familie viel schneller. Meist können sie nach drei Monaten schon die Kommunikation im Alltag um sie herum sehr gut verstehen, nach sechs Monaten können sie sich bereits in allen Lebenslagen verständlich machen, weil sie im Alltag ständig sprachlich gefordert werden. Auch die Integration verläuft viel schneller, da sie durch ihr familiäres Umfeld tagtäglich erleben, wie Abläufe in Österreich gestaltet werden und sie sich mit Hilfe der Gasteltern ein eigenes soziales Netz aufbauen können.

Eine Gastfamilie ermöglicht dem/der Jugendlichen eine 1 zu 1 Betreuung. Im Vergleich dazu gibt es in Wohngemeinschaft für gewöhnlich eine/n BetreuerIn für 10 Jugendliche. Durch das individuelle Setting in der Gastfamilie kann auf die speziellen Bedürfnisse des/der Jugendlichen gezielt eingegangen werden. Mache Jugendlichen brauchen mehr Nähe und mache sind bereits sehr selbstständig. Hier können sich die beteiligten Familienmitglieder gut aufeinander einstellen.

Neben den Vorteilen für den/die unbegleitete/n minderjährige/n AsylwerberIn bietet die Aufnahme eines Gastkindes auch für die Gasteltern und deren Kinder eine große Bereicherung. Bei Menschen eines anderen Kulturkreises bzw. anderer Herkunft gibt es sehr viel zu lernen und zu entdecken!

Was braucht eine Gastfamilie?

Um als Gasteltern die verantwortungsvolle Aufgabe erfüllen zu können, bedarf es professioneller Anleitung. Im seltensten Fall können Gasteltern das gesamte erforderliche Wissen vereinen, selbst wenn sie einer einschlägigen Berufsgruppe angehört oder bereits über einen längeren Zeitraum (ehrenamtlich) im Asylbereich tätig waren/sind.

Aus der Erfahrung im Rahmen von Betreuungsstellen (Wohngemeinschaften und Heime) ist bereits seit vielen Jahren ersichtlich, welche Unterstützung unbegleitete Minderjährige benötigen, damit sie sich bestmöglich in ihrer neuen Heimat entwickeln und entfalten können. Neben dem Spracherwerb und anderen Bildungsmaßnahmen ist insbesondere der Erwerb interkultureller Kompetenzen notwendig, um in der österreichischen Gesellschaft bestehen zu können. Auf der individuellen Ebene müssen Jugendliche die Schrecken der Vergangenheit verarbeiten und Resilienzmechanismen finden, so dass sie zukünftig ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben in Österreich führen können.

Für das Ziel der bestmöglichen Begleitung von Gastfamilien brauchen die Gasteltern Schulungen und Unterstützungsangebote, sei dies bei asylrechtlichen Inhalten oder in Form eines Dolmetschers bzw. einer Dolmetscherin, die es ihnen ermöglichen ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

Auch die Jugendlichen benötigen spezifische Unterstützungsmaßnahmen. Besonders viel erhalten sie im Rahmen der Betreuung durch die Gasteltern. Manche Inhalte können im Betreuungskontext nicht abgedeckt werden, weil es dem/der Jugendlichen unangenehm ist oder weil Missverständnisse aufgrund der Sprachbarriere die Beziehung belasten.


Diesem Problem kann durch Vermittlung von Unterschieden im kulturellen, sprachlichen, religiösen oder gender-Bereich sehr leicht Abhilfe geschaffen werden. Wir helfen hier sowohl präventiv als auch im akuten Konfliktfall.